Der Literaturbote

Hessisches Literaturforum im Mousonturm,
Frankfurt am Main

75. Heft, Oktober 2004

mit einem Nachruf von Lutz Hagestedt und den zwei letzten Erzählungen

"Das Grab" (2004) und "Amok" (2002)

 

Das Grab

Der Anfang

Ziffer 1 (von insgesamt 7)

Gestern habe ich angefangen, mich zu verlieben. Seit ich tot bin, blüht meine Liebe auf. Doch habe ich Marianne vergessen, sehe ihr Gesicht nicht, spüre nicht ihre Haut. Meine Hände bewegen sich um eine Leere, als wäre zu erfinden, was nie gewesen ist. Dies die Wirklichkeit, wie ich sie erfahre. Doch Marianne liegt auf dem Bett. Der Schrank steht an seiner Stelle. Marianne ist vergessen wie ich selber. So haben wir uns eingerichtet. Die Sonne scheint für jeden. Wir sind nicht ausgezeichnet vor anderen. Leider kennen wir uns nicht.
Ich schreibe Altersprosa, sage ich.
Du bist jung, sagt sie.
Ihre Hand steht in der Luft. Ich streiche den nackten Arm entlang und finde den eigenen Körper. Den habe ich in Mull gewickelt, ihn nicht zu verletzen. Doch ist bereits Blut durchgesickert und getrocknet. Vor kurzem hatten sich die Fliegen darauf versammelt. Die haben mich verlassen, als es sich nicht mehr lohnte für sie. Marianne hatte sie nicht verscheucht. Sie wußte, daß ich Leben brauche. Der Morgen ist beständig. Er hat sich erhalten wie ein Versprechen. Gebenedeit sei der Herr.
Marianne sagt: Ich wisch dir nicht den Hintern.

Weil die Wiesen grün sind, liegen wir darunter. Es ist Platz genug in dem Grab, sich zu liebkosen. Im Gras oben hüpfen die Amseln und suchen in der Erde. Wir haben nirgendwo Abschied genommen, um uns zu begrüßen. Der Himmel über uns reicht weit. Die Haare mischen sich im Wind, der uns streift. Es ist nichts gewesen. Die Tannen stehn im Rund. Tief unten scheint das Licht.
Ich sage: Ich sehe dich.
Du bist blind, sagt sie.

Niemand weiß, warum Sommer ist. Es ist aber Anfang. Ich erinnere mich. Mein Glied stößt gegen den Knochen, als wäre es härter als der. Ein Gesang fällt von den Wänden zurück, uns zuzudecken. Der Frost hat sich hergemacht über die Bäume, bringt die Blätter zum Klirren, so daß wir verstummen. Die Seligkeit ist der Rausch, der die Haut zum Glänzen bringt. Wir sind aufzufinden im Dunkel.

Ich habe deinen Namen geschrieben, sage ich, lese ihn vor.
Wiederholung ist das Glück, das ich mir schenke.
Ich bin ein Buchstabe, sagt sie, nur einer.
Ich nenne dich anders.
Kein Laut. Silben, die ein Lied ergeben. Dies ist, was wir hören. Es lobt uns. Sonst ist keiner.
Die Wände umher sind fest gemauert. Die Steine gefugt ohne Mörtel. Wir haben sie aus dem Steinbruch gehauen und um uns getürmt. Es ist geräumig hier, wir haben Platz zum Liegen und zum Stehen. Jetzt liegen wir, uns zu halten. Doch habe ich niemanden in den Armen. Auch Marianne tut nur so. Wir spüren uns, weil wir das wollen. Da ich tot bin, verlischt die Zeit nicht.
Marianne spricht es aus: Wir sind ewig.
Sei still, sage ich.
Unter unseren Körpern ist das Moos gewachsen. Wir haben es bequem. Weil wir nicht atmen, brauchen wir keine Luft. Wir genügen einander. Nur der Regen sickert von oben durch und ist dunkel wie das Blut in meinem Verband. Vielleicht ist das Blut nicht von mir, sondern von draußen gekommen, mich zu zieren, als wäre ich getötet. Die Natur täuscht, aus freiem Willen habe ich mich entschlossen, da zu sein als beerdigt. Die Spatzen sind durchs Gestein geflogen und baden in den Pfützen, bis sie bunt sind wie wir. Ich teile Marianne die Fröhlichkeit mit.
Sie entgegnet: Ich bin naß.
Ich trockne sie ab. Die Regeln sind aufgehoben. Die Sterne kommen nach Belieben. Tag ist wie Nacht. Mein Wünschen ist der Zauber, den ich weiter gebe. Die Nägel, durch meine Füße und Hände geschlagen, halten mich fest. Ich habe mich erlöst. Marianne fühlt keine Schmerzen. Ich habe ihr die Haut abgezogen und ihr Fleisch gegessen. Die Würmer leben über der Erde, wohnen in Häusern. Die Würmer haben die Knochen übrig gelassen. Die habe ich zusammengesetzt und sie neu überzogen. Sie ist keine Puppe, nur ich bin der Puppenspieler, der sich selbst kennt.
Sie sagt: Gut, daß es vorbei ist.
Ich antworte: Du bist bei mir.